23.08.2017

Ein Leben für den Frieden – Zum Tode von Reuven Moskovitz

Reuven Moskovitz ist am 4. August im 89. Lebensjahr in Jerusalem verstorben. Er war ein unermüdlicher Mahner für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden.

Reuven wurde in dem kleinen nordostrumänischen Stetl Frumusica am 29. Oktober 1928 geboren. Er wuchs in einer orthodox-jüdischen Familie auf. Sein Vater war Vorsitzender des Synagogenrats der jüdischen Gemeinde. Er erlebte im faschistischen Rumänien und unter deutscher Besatzung antisemitische Diskriminierung, Vertreibung und extreme Armut. Nach der Befreiung durch die sowjetische Armee wuchs sein Wunsch, nach Palästina auszuwandern. Er wurde Mitglied der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Dor-Habonim, die die Einwanderung rumänischer Juden nach Palästina organisierte. Als die stalinistische Sowjetunion zunehmend die jüdischen Sozialisten drangsalierte, flüchtete Reuven als 19-Jähriger mit einem tschechischen Pass und falschem Namen 1948 nach Palästina und wurde Mitbegründer des Kibbuz Misgav-Am an der libanesischen Grenze. Hier hörte er das erste Mal Erzählungen über die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus den Nachbardörfern. Das Schicksal der vertriebenen Palästinenser sollte ihn sein Leben lang bewegen.

Obwohl Mitglied der links-sozialistisch-zionistischen Mapam-Partei sympathisierte er mit der Israelisch-Kommunistischen Partei Maki, die für eine Rückkehr der vertriebenen Palästinenser eintrat. Deswegen musste er in den 50er Jahren mit seiner Frau Varda und 10 weiteren Freunden den Kibbuz wieder verlassen. Reuven und Varda gingen nach Haifa. Er arbeitete dort als Kranführer, studierte Geschichte und hebräische Literatur in Tel Aviv und Jerusalem und wurde Geschichtslehrer.

Die nationalistische Euphorie und die territorialen Annexionen nach dem Sechs-Tage-Krieg lehnte er ab und wurde ein entschiedener Kritiker der militärischen Besatzung der Westbank. Er war früh in der israelischen Friedensbewegung aktiv und wurde nach dem Sechstagekrieg Sekretär der neu entstandenen "Bewegung für Frieden und Sicherheit", die sich gegen die Annexion der besetzten Gebiete und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung einsetzte.

1974 nahm Reuven ein Sabbatjahr und ging nach Berlin, um "den Weg Deutschlands in den Nationalsozialismus zu erforschen". (*296) Er ging ins Land der "Täter", obwohl er "deutschen Boden niemals betreten" wollte. (*297) Finanziert wurde die Reise durch ein Postgraduierten-Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. Mit ihm waren Varda, seine Frau, und sein Sohn Shlomi. Sie bekamen über Aktion Sühnezeichen Kontakt mit Wolf Jung, Pfarrer der Spandauer Luthergemeinde. Er gab ihnen Logis im Paul-Schneider-Haus, dem Gemeindezentrum der Kirchengemeinde, benannt nach dem "Prediger von Buchenwald", der dort 1939 im KZ ermordet worden war. (* "Der lange Weg zum Frieden")

Bald darauf wurde Shlomi in die Martin-Buber-Schule (Spandau) aufgenommen. Der jüdisch-deutsch-israelische Religionsphilosoph setzte sich für ein Israel ein, in dem Juden und Palästinenser gleichberechtigt leben können. Reuven war Anhänger der Friedens- und Versöhnungsideen Martin Bubers und daher besonders erfreut, dass es eine Schule mit dem Namen dieses großen Gelehrten gab. Reuvens Aufenthalt in Berlin sollte der Beginn einer engen lebenslangen Beziehung werden. Er knüpfte viele Freundschaften und konnte später sagen: "Es gibt ein Deutschland, das ich liebe."

Inspiriert von der Versöhnungsarbeit in Deutschland nahm er Kontakt auf mit der Initiative Neve Shalom, einer interreligiösen Kibbuz-Idee. Die zum Katholizismus konvertierten Juden, Dominikanerpater Bruno Hussar und Rina Geftman waren die Initiatoren. Die Stacheldrahtgrenze zwischen der jordanischen Westbank und Israel sollte zu einer Friedensgrenze werden. Sie ließen sich mit einigen Freiwilligen aus verschiedenen Ländern oberhalb des Ayalontales zwischen Tel Aviv und Jerusalem nahe dem katholischen Kloster Latrun nieder. Das Projekt scheiterte. Als Reuven das erste Mal nach Neve Shalom/Wahat al Salam kam, waren nur noch drei Menschen übrig geblieben: Bruno Hussar, seine Mitarbeiterin Anne Le Menien (beides Christen) und Jonathan, ein Freiwilliger aus England. Reuven versuchte Menschen aus der Friedensbewegung für das Projekt zu gewinnen, hielt Vorträge und lud zu gemeinsamen Treffen vor Ort ein. Allmählich näherten sich einige Interessenten. Ein Wasseringenieur aus der Friedensbewegung erarbeitete die Pläne für eine Wasserleitung, ein arabischer Unternehmer aus Nazareth setzte sie zum Selbstkostenpreis um. Ein Architekt aus der Friedensbewegung machte die Pläne für die Wohnungen. Und einige palästinensische Nachbarn halfen. Die ersten neuen Bewohner zogen ein. Reuven lud jüdische und palästinensische Schulklassen ein, vor allem auch Reisegruppen aus Deutschland.

Heute ist Neve Shalom/Wahat al Salam (Oase des Friedens) ein anerkanntes Dorf mit über 100 Einwohnern, zur Hälfte Juden, zur Hälfte Palästinenser, gleichberechtigt von beiden Bewohnerhälften verwaltet. Es gibt eine Grundschule, einen Kindergarten, eine Friedensschule und ein kleines Hotel für Reisegruppen. Die Kinder wachsen zweisprachig auf. Die allererste Infrastruktur im Friedensdorf (Wasser, Strom, Straße, Bus, Friedensschule u.a.) war im wesentlichen durch die Iniative und den körperlichen Einsatz Reuvens gelegt worden.

Mindestens einmal im Jahr war Reuven zu Gast bei uns: zunächst nach 1987 in der Spandauer Luthergemeinde, seit ich dort Pfarrer war, dann im Ökumenischen Zentrum für Umwelt-, Friedens- und Eine-Welt-Arbeit in Berlin-Charlottenburg. Er hielt seine Vorträge und diskutierte mit den Zuhörenden. Gern auch spielte er auf seiner Mundharmonika, die er einst von palästinensischen Kindern geschenkt bekommen hatte. Er warb unermüdlich für ein Ende der israelischen Besatzung. Ein gerechter Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und Versöhnung zwischen beiden Völkern wurde sein Lebensthema. Am 2. September wollte er abends wieder bei uns zum Israel-Palästina-Konflikt sprechen.

Als Holocaustüberlebender mahnte er für Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber Israel und gegenüber den Palästinensern an, weil für ihn die Vertreibung der Palästinenser eine bittere Folge des Holocausts war. Und diese Verantwortung konnte nur eine kritisch-solidarische sein, die auf Versöhnung zwischen beiden Völkern hinarbeitet. Er wünschte sich, dass von Deutschland aus die israelische Besatzungspolitik kritisch gesehen wird, weil sie nicht nur die Palästinenser drangsaliert, sondern auch dem israelischen Gemeinwesen schadet und zu einer Aushöhlung von Demokratie und Menschenrechten in Israel selbst führt.

Ende 2010 will er zusammen mit 7 jüdischen Aktivisten und zwei Journalisten auf dem kleinen Segler "Irene" (Frieden) die israelische Blockade des Gaza-Streifens durchbrechen. Sie werden von 10 Schiffen der israelischen Kriegsmarine in internationalen Gewässern völkerrechtswidrig gekapert und in den israelischen Hafen Ashdod gebracht.

Am 28. Oktober 2001 erhält er den kirchlichen Friedenspreis Mount Zion Award der Mount Zion Foundation mit Sitz an der Universität Zürich in Anerkennung seines Engagements für den interkulturellen Dialog. Am 1. September 2003 wird ihm zusammen mit der Palästinenserin Nabila Espanioly und den Ordensleuten für den Frieden der Aachener Friedenspreis verliehen. 2011 wird er zusammen mit der Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser mit dem AMOS-Preis der "Offenen Kirche" und im gleichen Jahr als internationaler Botschafter für den Frieden von der S.E.R. Foundation for Subjective Experience and Research geehrt, einer Stiftung, die sich insbesondere um Frieden und Verständigung im Heiligen Land bemüht.

In einem Brief von Lore Schelbert aus München lese ich:

"Reuven war der beste Reiseführer für Deutsche in Israel: erfahren und kenntnisreich sowieso, hat er mit improvisatorischem Talent nicht nur herrliche Landschaften und interessante Gebäude gezeigt, sondern auch auf die Probleme des Landes aufmerksam gemacht und wichtige Begegnungen vermittelt. Im Ohr bleibt dabei immer noch der Klang seiner Mundharmonika.

In unzähligen Begegnungen, Geprächen, Vorträgen, Briefen und nicht zuletzt in zwei Büchern war er unablässig bemüht, seine Sicht der Dinge, die in vielen Fällen der offiziellen Linie widersprach, darzustellen. Er getraute sich, die Tatsachen beim Namen zu nennen, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten, was oft auf eine schonungslose Anklage der israelischen Politik hinauslief. Er wollte andere Wege als militärische Gewalt.

Reuven war kein verbitterter Eiferer für seine Sache, sondern ein warmherziger, liebevoller Mensch, auch im Alter noch von einer beglückenden Kindlichkeit und großem Vertrauen in die Menschen. Sein Leben für "Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung", so der Titel seines zweiten Buches (2015), soll uns Mut machen, den "Langen Weg zum Frieden" (sein erstes Buch) weiterzugehen."

Reuven Moskovitz ist im Kreise seiner Familie und enger Freunde und Weggefährten in der Oase des Friedens Neve Shalom/Wahat al Salam am 6. August begraben worden. Wir trauern mit Varda, seiner Ehefrau, seinen beiden Kindern Shlomi und Smadar und seiner Enkelin Omer.

Friedensboten sind die Lieblinge Gottes. Reuven war ein Friedensbote.

Peter Kranz

Der Gedenkabend für Reuven Moskovitz ist am 2. September, 19 Uhr, in der Gethsemanekirche, Stargarder Str. 77, 10437 Berlin
(S+U-Bhf. Schönhauser Allee, Tram M1, 12)

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