20.10.2007

Eine Reise durch Israel und die palästinensische Westbank

Vom 12.-20. Oktober 2007 war ein kleine Reisegruppe aus unserem Ökumenischen Zentrum in Israel und der palästinensischen Westbank.

Anlass der Reise war unsere diesjährige Verantaltungsreihe „Israel – Palästina: Verhandlungen – Rückzug – Frieden“. Wir wollten uns ein eigenes Bild machen über die israelische Mauer, über die Lage der Menschenrechte und die Lebensverhältnisse unter israelischer Besatzung. Wir alle waren das erste Mal in dieser Region. Unser Resümee der Reise: eine wunderschöne Landschaft, gastfreundliche Menschen auf beiden Seiten und eine unerträgliche Lebenssituation in den Palästinensergebieten.

Nach der Ankunft auf dem Flughafen „Ben Gurion“ fuhren wir zunächst für einen Tag nach Tel Aviv und wohnten bei Freunden. Tel Aviv, am Mittelmeer gelegen, ist mit über 350.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Da Doron und Thali in der Nähe des Strandes wohnen, konnten wir zunächst noch im 24 Grad warmen Mittelmeer baden, ehe wir zum Shabbat-Mahl am Freitagabend gerufen wurden. Noch am Abend fuhren uns die beiden durch die quirrlige Stadt zunächst zur Gedenkstätte für Itzak Rabin, den ehemaligen Ministerpräsidenten, der am 4. November 1995 im Anschluss an eine große Kundgebung mitten in der Stadt vom jüdischen Extremisten Jigal Amir ermordet worden war.

Am folgenden Tag fuhren wir in die Siedlung Neve Schalom/Wahat al Salam, ein Friedensdorf, in dem jüdische und palästinensische Bürger Israels miteinander leben. Anfang der 70er Jahre von Bruno Hussar und Anne LeMeignen und mit tatkräftiger Unterstützung von Reuven Moskovitz mit aufgebaut, leben heute im Dorf 50 Familien. Sie zeigen, dass eine „friedliche Partnerschaft zwischen Juden und Palästinensern in einer auf Toleranz, gegenseitiger Achtung und Zusammenarbeit beruhenden Gemeinschaft möglich ist“. Neve Shalom/Wahat al Salam liegt genau auf der sogenannten grünen Grenze zum Westjordanland. Das Leben in der Siedlung ist binational und zweisprachig. Von der Kinderkrippe bis zur Junior High School ist die Schule in dieser Größe die erste vollständig binationale und zweisprachige Schule für jüdische und palästinensische Kinder.

In der „Friedensschule“ werden binationale Workshops für Jugendliche über den Konflikt durchgeführt. Es gibt Seminare und Fortbildungen für Erwachsene, Ausbildungskurse für GruppenleiterInnen und ein Jugend-Begegnungstraining zusammen mit gemeinnützigen palästinensischen Organisationen aus den Autonomiegebieten. Sämtliche Aktivitäten, von der Siedlungsverwaltung bis zu den Bildungseinrichtungen werden von paritätisch besetzten jüdisch-palästinensischen Teams geleistet.

Vom Gästehaus, reizvoll gelegene Reihen-Appartments, hatten wir einen wunderschönen Blick bis zum Mittelmeer.

Am nächsten Tag wurden wir von einem palästinensischen Fahrer mit einem Kleinbus nach Talitha Kumi in Beit Jala bei Bethlehem in die Westbank gefahren. Die Fahrt führte uns das erste Mal durch Checkpoints dieser monströsen Mauer.

Talitha Kumi wurde 1851 von Theodor Fliedner und vier Diakonissen als Kinderheim für arabische Mädchen zunächst in Jerusalem gegründet. Eine evangelische Schule kommt hinzu. 1961 findet die feierliche Einweihung des neuen Talitha Kumi in Beit Jala statt. Mittlerweile gibt es eine Grundschule, eine Oberschule und eine Hotelfachschule mit etwa 850 Schülerinnen und Schülern, einen Kindergarten und ein Mädcheninternat. Träger der Schule ist das Berliner Missionswerk. „Talitha Kumi“ aus dem Markusevangelium 5,41 bedeutet: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“

Unter diesem Motto steht die Bildungsarbeit. Ein besonderes Fach wird im Programm „Bewusstseinsbildung und Engagement“ gelehrt.

Die israelische Mauer und die militärischen Checkpoints der Israelis behindern in starker Weise den Schulbetrieb. Etwa 800 Kinder müssen als externe Schülerinnen und Schüler jeden Schultag die alltäglichen Drangsalierungen an den Checkpoints ertragen: lange Wartezeiten, willkürliche Durchsuchungen, Abweisungen bis hin zu Gewalttätigkeiten von seiten der Soldaten. Vom Dach des Schulgebäudes aus erläuterte uns Schulleiter Dr. Georg Dürr den Verlauf des Mauerbaus. Wir sahen, wie in der Ferne ein Kran ein neues 10 Meter hohes Mauersegment einsetzte. Ein kleines 500 Meter entferntes palästinensisches Dorf mit einer Moschee wird gerade eingemauert. Der Verlauf der Mauer wird, wenn alles, wie von Israel geplant, verläuft, direkt am Haupteingang der Schule entlang führen. Schulleiter Dürr erzählte uns von Belästigungen durch israelische Soldaten, die in das Schulgelände eindringen, den Pförtner verprügeln, blind in die Luft schießen und dann wieder abziehen.

Schaut man vom Dach des Schulgebäudes in die andere Richtung, kann man Beit Jala und Bethlehem sehen mit den Kirchtürmen und Minaretten. In Beit Jala lebten früher fast ausnahmslos christliche Palästinenser, und auch Bethlehem war mehrheitlich von Christen bewohnt. Heute sind die Christen in der Minderheit. Viele haben dem täglichen Druck der Besatzung nicht mehr standhalten können und sind ausgewandert.

Wir besuchten im Süden Bethlehems das palästinensische Flüchtlingslager Ad Duheisha Camp. 1948 als riesiges Zeltlager entstanden, ist es heute eine Stadt mit eng gebauten Gassen und Steinhäusern, auf denen mit jeder neuen Generation ein neues Stockwerk errichtet wird. Ein Mitglied der Ortsverwaltung erläuterte uns vom Dach des Kultur- und Verwaltungszentrums aus die Lebensumstände der Flüchtlingsfamilien, die alle einmal vom heute israelischen Staatsgebiet vertrieben worden waren.

Zwei weitere Tage waren wir in Jerusalem im Gästehaus der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste untergebracht. Unser erster Weg führte uns nach Jad Vashem, der großen Holocaust-Gedenkstätte auf dem Mount Herzl im Westen West-Jerusalems. Sie ist eine monumentale, tief bewegende Dokumentation der Leiden, des jüdischen Widerstands, der Befreiung und der Alijjah, der Einwanderung nach Palästina. Sehr abseits gelegen findet man den „Garten der Gerechten“, ein Ort der Erinnerung an diejenigen, die europaweit den verfolgten Juden geholfen hatten. Hier sind nach Ländern geordnet die Namen der Helferinnen und Helfer dokumentiert. Man vermisst die Geschichten, die mit diesen Namen verbunden sind.

Unser zweiter Weg führte uns mit Roni Hammermann zur Mauer, die weit im Norden Jerusalems den freien Zugang nach Ramallah, dem Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, abschneidet. Roni Hammermann ist die Gründerin der israelischen Frauen-Friedensorganisation Machsom Watch.

400 Frauen haben sich zusammengefunden, um täglich an den verschiedenen Checkpoints rund um Jerusalem die täglichen Schikanen der israelischen Soldaten an der palästinensischen Bevölkerung zu dokumentiern. Roni Hammermann ist in Wien aufgewachsen und spricht daher deutsch mit einem sympathischen Wiener Akzent.

Wir waren mit ihr am Checkpoint Qalandiya, einer monströsen Hochsicherheitszone mit Wachtürmen, die die 10 m hohe Mauer überragen (zum Vergleich: Die Berliner Mauer war 4 m hoch), mit Stacheldrahtzäunen, elektronischen Meldern und engen Metalldrehkreuzen, ähnlich denen an Flughäfen, nur enger. Man sieht kein Militär. Die „Drecksarbeit“ machen wie „Blackwater“ im Irak die privaten Sicherheitsdienste. Aus Lautsprechern werden die Palästinenser angebellt, wie sie sich zu verhalten haben. Roni Hammermann erzählte uns von den tagtäglichen demütigenden Schikanen, dass sich z.B. Männer unter dem Gefeixe der Sicherheitskräfte nackt ausziehen müssen.

Wir selber sahen, wie ein palästinensischer Autofahrer aussteigen musste und dann ein Hund durch den Wagen geführt wurde. Für Muslime, denen Hunde unreine Tiere sind, eine ebenfalls demütigende Behandlung. Auch unter die langen Kleider der Frauen werden die Hunde geführt.

Am zweiten Tag führte unser Weg zunächst zum Sitz der UNO-Organisation OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs). Die Mitarbeiter der OCHA dokumentieren den Bau der Mauer, die Mauercheckpoints, die fast 600 militärischen Checkpoints in der Westbank, die Entwicklung der illegalen israelischen Siedlungen und ihre militärische Sicherung durch Mauer, Stacheldraht und Hochsicherheitszugangsstraßen. Diese Straßen durchschneiden die Westbank wie ein Netz und machen eine organische wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der palästinensischen Gebiete unmöglich. Mehrere größere und viele kleinere Ortschaften sind vollkommen von einer Mauer umgeben und nur durch Tunnel zugänglich.

Niemand hätte protestieren können, wenn die Mauer auf der „grünen Linie“, der Grenze zwischen Israel und der Westbank, gebaut worden wäre. Aber sie reicht weit ins palästinensische Gebiet hinein und verleibt Israel weitere 12% der Westbank ein. Für die UNO steht es außer Frage, daß die israelische Mauer keine Sicherheitsmauer ist, sondern der weiteren israelischen Landnahme dient.

Der Nachmittag des zweiten Tages diente unserem touristischen Interesse. Wir besuchten die Jerusalemer Altstadt, stiegen auf den Turm der Lutherischen Erlöserkirche und konnten bis weit ins Land blicken. Die Altstadt mit den vier verschiedenen Vierteln, dem muslimischen, dem christlichen, dem armenischen und dem jüdischen Viertel, ist ein Gewirr aus kleinen Gassen und Gängen, Treppen und Plätzen. Minarette und Kirchen aller christlichen Konfessionen sind von oben in großer Zahl sichtbar. Viele Gassen sind Basar, wo muslimische und christliche Palästinenser einträchtig neben jüdischen Händlern ihre Waren anbieten. Die Familien kennen sich z.T. seit Generationen. Hier hat man das Gefühl, dass ein friedliches Zusammenleben zum Wohle aller möglich ist. Gestört wird die friedliche Atmosphäre durch Militärkontrollen.

Als abschreckend empfand ich den christlich religiösen Rummel in der Grabeskirche im Zentrum der Altstadt ebenso wie schon in der Geburtskirche in Bethlehem.

Am nächsten Tag ging es nach Ramallah in den nördlichen Teil der Westbank. Ramallah, ein höher gelegener ehemals christlicher Kurort, ist heute Verwaltungssitz der Autonomiebehörde. Wir waren von der christlichen Bürgermeisterin Janet Mikhail ins Rathaus eingeladen, die uns mit großer Herzlichkeit empfing. Anschließend trafen wir uns mit Sha’wan Jabareen, dem Direktor des „Al Haq Institut for Human Rights“ (für Menschenrechte) und einem Verteter der Organisation „Stop the Wall“.

Abends saßen wir mit unserer Schweizer Freundin Anita zusammen, die, mit einem Palästinenser verheiratet, seit 13 Jahren in Ramallah lebt und für eine französische Entwicklungsorganisation arbeitet.

Der Weg zum Toten Meer wurde uns am folgenden Tag von drei jungen israelischen Soldaten verwehrt. Sie behaupteten, unser palästinensischer Fahrer sei ein Terrorist. Deswegen dürften wir nicht weiterfahren. Nach Jericho, ins Autonomiegebiet am Jordan, ließ man uns jedoch. Wir besichtigten die Stadt und das griechisch-orthodoxe Quarantal-Kloster – 350 m oberhalb der Stadt in einen Felshang hineingebaut. Hier soll Jesus die 40 Tage gefastet haben, während der Teufel ihn versuchte (Mt. 4, 8-9): „Darauf führte ihn der Teufel auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt“. Daher heißt der Ort „Kloster der Versuchung“. In der Tat hatten wir von dort aus einen wunderschön weiten Blick ins grüne Jordantal.

Abends waren wir wieder in Neve Shalom/Wahat al Salam, und am nächsten Tag ging es am frühen Vormittag zum Ben-Gurion-Flughafen. Am 20. Oktober waren wir um Mitternacht wieder in Berlin. Unsere Tochter holte uns vom Flughafen ab.

Elisabeth + Peter Kranz

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